Florence Beatrice Price: Violin Concerto No 2 (1952)

 

 

Florence Price

geboren 9. April 1887 in Little Rock (Arkansas)

gestorben 3. Juni 1953 in Chicago

 

Uraufführung:

posthum 1964 durch Minnie Cedargreen Jernberg 

 

CD-Aufnahme:

Er-Gene Kahng 2017


Spricht man von amerikanischen Violinkonzerten, fallen Komponisten-Namen wie Erich Wolfgang Korngold oder Samuel Barber, vielleicht erinnert man sich noch an George Rochbergs Violinkonzert (Uraufführung durch Isaak Stern!) oder an die Serenade after Plato‘s Symposium von Leonhard Bernstein. Noch sind es wenige, die die erste afro-amerikanische Komponistin Florence Price erwähnen würden. Sie selbst stellte sich einmal dem Dirigenten und Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra folgendermassen vor: “My dear Dr. Koussevitzky, To begin with I have two handicaps—those of sex and race. I am a woman; and I have some Negro blood in my veins.” Aber Koussevitzky ignorierte sie als Komponistin, wie es noch viele taten. Sowohl als Frau wie auch als Afro-Amerikanerin hatte sie alle Schwierigkeiten, sich in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Orchesterkomponistin durchzusetzen. Sie war aus ihrer Heimat Arkansas wegen Rassendiskriminierung in den Norden nach Chicago weggezogen, befreite sich dann von einem gewaltsam gewordenen Ehepartner und setzte sich darauf bewusst in verschiedenen Organisationen sowohl für schwarze MusikerInnen und generell für Frauen als Musikerinnen ein.

Florence Price studierte Klavier, Orgel und Komposition und war von der Idee Antonin Dovraks begeistert, eine Tradition amerikanischer Symphonien weiterzuführen, die dieser mit seiner Symphonie aus der neuen Welt begonnen hatte und die sich auf die vielfältige amerikanische Volksmusik beziehen sollte. Nur sollte nach Florence Price die Tradition der Black Folk Music nicht übergangen werden. Neben vielen Songs, Spirituals und Kompositionen für Kinder komponierte sie speziell auch Orchestermusik, nämlich Symphonien, Konzerte für Klavier oder Violine. Ihre Karriere war vielfältig, neben Komponistin war sie Solistin, Administratorin und Mutter zweier Töchter. 1933 brachte das Chicago Symphony Orchestra  unter dem deutschstämmigen Dirigenten Frederick Stock ihre erste Symphonie in e-moll zur Aufführung. Erstmals spielte ein bekanntes amerikanisches Orchester ein Orchesterwerk einer afro-amerikanischen Frau. Man kann nicht sagen, Florence Price sei in ihrer Zeit unbekannt geblieben, aber ihre Orchesterwerke wurden selten gespielt und ihr Werk nach ihrem Tod 1953 auch nicht weiter gepflegt. So entdeckten die Käufer eines höchst renovierungsbedürftigen Hauses, in dem Florence Price jeweils ihre Sommerzeit verbrachte, 2009 noch stapelweise Noten und Schriften von ihr. Erst kürzlich wurden ihre Violinkonzerte No 1 und 2 neu herausgegeben und auf CD eingespielt. Auch auf Youtube werden einige neuere Aufführungen vor allem des 2. Violinkonzertes dokumentiert. Dass der international bekannte Dirigent Yannick Nézet-Séguin 2021 auf dem Label Deutsche Grammophon die beiden Symphonien Nr. 1 und 3 eingespielt hat, weist auf ein wachsendes Interesse an ihrer Musik hin.

Woran das liegt, ist noch nicht klar. Den einen kann ihre von der Spätromantik ausgehende Musik wie Filmmusik erscheinen, andere entdecken eine eigene spezielle kreative Energie in dieser Musik, die Elemente von afro-amerikanischer Musik (Spirituals und Java-Musik) belebend in die amerikanische  Orchestermusik einbrachte.

So können wir Im Violinkonzert No 2 spiritualartige Melodien hören, von einem klassischen Blechbläserquartett des Orchesters gespielt, sowie Juba-Rhythmen (Juba, auch Giuba, war ursprünglich ein «Plantagentanz, erdacht und entwickelt im 19. Jahrhundert von Westafrikanischen Sklaven, die während ihrer Versammlungen bei Strafandrohung keine Trommeln benutzen durften. Stattdessen nutzten sie auf den Plantagen den Körper als Rhythmusinstrument und Kommunikationsmittel. Dies beinhaltete Stampfen, Klatschen und Schlagen oder Klopfen auf Arme, Beine, Brust und Backen, um damit verschiedene komplexe Rhythmen zu erzeugen.» Wikipedia)

 

Das Violinkonzert No 2 von Florence Price ist einsätzig und dauert bloss ungefähr 16 Minuten. Es entspricht eher einer Rhapsodie als einem in Sonatenform komponierten Konzertsatz. Mehrere Themen lösen sich ab, wiederholen sich, entwickeln sich im Zusammenspiel von Orchester und Geige und verändern sich je nach Orchestrierungs-Kontext. Man kann eine Struktur entdecken, die von Abschnitt zu Abschnitt in sich überfliesst: Anfangsthema – Juba-Thema – Spiritual-Thema – Kadenz - Anfangsthema – Jubla – Spiritual – Reprise Anfangsthema – Jubla – Spiritual – Jubla nochmals in vollem Orchester, virtuose, kadenzartige Geigenpassagen – Verklingen des Spiritual-Bläserchors – kurze Coda.

 

 

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

Ein Anfang wie ein Aufruf, eine Einleitung zwischen Moll und Dur und mit heftigen und rhythmisch geschärften Orchester-Akkorden, irgendwann noch drei nachhinkende Klavierakkorde, als begänne ein Klavierkonzert. Mit Blues-Klängen bereiten die Blechbläser etwas Neues vor, und man ist fast etwas überrascht, dass jetzt eine Sologeige mit grosser rhapsodischer Geste das Geschehen übernimmt. Selbstbewusst, sich Zeit nehmend, leitet die Geige in einen beschwingten tänzerischen Rhythmus über. Diese tänzerische Atmosphäre breitet sich von der Geige über das ganze Orchester aus, farbig und vielfältig instrumentiert. Im Dialog zwischen Geigensolo und Orchester breitet sich diese erste tänzerische Themenwelt weit aus, positiv der Welt gegenüber, wenn auch nicht ohne gewisse melancholische Zwischentöne.

Zunehmend verwandelt sich diese Lebenswelt der Juba-Musik dann in eine zweite mehr feierlich-nachdenkliche Welt. Flöten und Harfen leiten ein, Blechbläser beginnen choralartig einen Spiritual zu intonieren, die Geige stimmt mit ein, eine nachdenklich-religiöse Atmosphäre breitet sich aus, bis dann Orchester und Trompetenfanfaren beschwingt zum Vorangehen aufrufen. 

Eine Geigenkadenz leitet die Wiederholung des Anfang-Aufrufs des Orchesters ein, bis die Harfe dann zu einem Abschnitt überführt, wo Sologeige und Orchester wieder an die tänzerisch-bewegte Juba-Episode erinnern. Auch die ruhige hymnische Melodie der Blechbläser mischt sich wieder ein und führt in die Welt der Spirituals zurück. Die Geige singt in grosser Ruhe mit. Flötentriller, Harfenklänge und Geige und ein Flötensolo lassen alles gleichsam in eine glückliche Morgenstimmung ausklingen.

 

Unvermutet reisst uns die Wiederholung des Anfangs-Aufrufs zum zweiten Mal wieder heraus aus dieser hymnischen Welt. So bildet sich im Geschehen eine Struktur heraus, wir erwarten wieder die verschiedenen Klangwelten, Tanz und Hymnisches, aber immer in komplexen Varianten und rhythmischer Abwandlung. Erinnerung an die Sklavenmusik der Südstaatler ziehen wie in einem Film an uns vorbei, eingekleidet in ein klassisches Orchestergewand, das die Nostalgie einer Erinnerung verstärkt. Auch die Anfangsakkorde melden sich wieder. Tanz und Hymnisches vermischen sich, aber immer mehr bekommt das Hymnische den Vorrang, Geigenpassagen umspielen die feierlichen Orchesterklänge. Nochmals melden sich in neuer Variante die tänzerischen Rhythmen und lassen die Geige brillieren und sich nur langsam beruhigen. Nach einem ruhigen Klarinettensolo erstirbt die Rhapsodie in Schönheit. Aber die Akkorde des Anfangs reissen die Zuhörenden aus dem Traum und führen sie zurück in die Realität und zum Schlussapplaus.

 


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