Ludwig Wilhelm Maurer: concertante A-Dur für 4 Violinen und Orchester op. 55

Ende erster Satz und Beginn des zweiten Satzes Andante
Ende erster Satz und Beginn des zweiten Satzes Andante

 

 

Ludwig Wilhelm Maurer

geboren 8. Feb. 1789 in Potsdam

gestorben 25. Okt. 1878 in St. Petersburg

 

Erstveröffentlichung:

1831 bei C.F. Peters, Leipzig

 

Live-Aufnahmen bei Youtube:

Quint / Lin / Kim / Wan (Dir. Kent Nagano) 2012

 

Yanovitsky, E. / Gontarenko, J. / Kofler / Voskoboynikov 2018

 

Chan / Huang /
Lin / Tseng 2019


Dieses glitzernde Bijoux der Geigenliteratur ist wohl unter Geigern, weniger aber bei Konzertbesuchern, bekannt. Auch mit Ludwig Maurer kann man keinen bekannten deutschen Komponisten in Verbindung bringen. Deshalb empfiehlt es sich, sich in der Musikwissenschaft umzuschauen, und man erfährt, dass Maurer einer der besten Geiger seiner Zeit war.

«Das Leben und Wirken Ludwig Wilhelm Maurers (1789–1878), eines der besten deutschen Geiger seiner Zeit, war über viele Jahre mit Russland verknüpft. Seit 1803 Mitglied der Berliner Hofkapelle, wurde er durch die kriegerischen Ereignisse des Jahres 1806 zu einer Reise nach Russland veranlasst, wo er auf Vermittlung Pierre Marie François Baillots die Kapellmeisterstelle bei dem Grafen Vsevolod A. Vsevoložskij erhielt. 1817 gab er sie auf und ging auf Reisen. Nach Konzerten in Deutschland, Frankreich und Österreich kehrte er 1833 in seine frühere Stellung zurück, diesmal in Petersburg. Später wurde er Direktor des Französischen Theaters und bekleidete führende Posten im Petersburger Musikleben. Maurer wurde als Komponist vor allem durch die Schaffung von Vaudeville-Opern bekannt. Wie viele in

Russland wirkende deutsche Musiker hat Maurer auch dem Modegenre Russisches Volkslied mit Variationen gebührenden Tribut gezollt. Er schrieb u. a. Trois airs russes, variés pour Violon avec accomp. de 2 Violons, Alto, Violoncello et Contrabasse, op. 14 und ein Trio für Streicher. Doch zeigen diese Werke wenig Originalität, während seine Violinkonzerte und das überaus erfolgreiche Konzert für vier Violinen in Russland sehr beliebt waren und häufig gespielt wurden. (aus: Ernst Stöckl (Jena), Der Beitrag deutscher Komponisten zur russischen instrumentalen Kammermusik (von 1777 bis Anfang der 1920er Jahre) s.17).»

Und auch das Lexikon MGG «Musik in Geschichte und Gegenwart» schrieb schon in seiner zweiten Auflage über Ludwig Maurer als Geiger und Komponisten: «Maurer, einer der besten deutschen Geiger seiner Zeit, war wegen seines schönen variablen Tones und grosser technischer Geschicklichkeit geschätzt. Von Haus aus Enkelschüler Franz Bendas und hervorragendster Vertreter der jüngeren Berliner Geigerschule, lässt er auf Grund seines späteren Studiums bei Rode in seiner Spielweise besonders ausgeprägt die damals allgemeine Hinneigung zum frz. V.-Stil erkennen, wobei er neben der Tradition der Viottischule ebenso die Errungenschaften der Richtung Baillot-Lafont einbezieht. In seinen V.- Werken zeigt er sich als der geborene Virtuose, dem die gesamten vorpaganinischen V.-Techniken zur Verfügung stehen, über Spohr hinausgehend auch springende Streicharten (Spiccato, Tremolo). Persönliche Eigentümlichkeiten sind Saitenwechselpassagen mit häufigen Bariolageeffekten, weite Sprünge, komplizierte Tripel- und Quadrupelgriffe sowie unregelmässige zusammengesetzte Stricharten. Die fast ausschliesslich brillant gehaltenen Instr.-Werke zeigen Maurers Sinn für rhythmische und besondere klangliche Effekte, abwechslungsreiche Harmonik, doch nur geringes formales Eigenleben. Ein berühmtes Erfolgsstück wurde die Konzertante für vier V., die von den bedeutendsten Geigern gespielt worden ist.»  (Folker Göthel in: MGG Artikel Maurer, Ludwig Wilhelm)

Es bleibt meinerseits nur noch hinzuzufügen, dass es sich lohnt, die Videos bei youtube anzuschauen, denn das Zusammenspiel der 4 Geigen kommt bildlich besser hinüber, als wenn man nur die Musik hört. Klar wäre eine Aufführung im Konzertsaal noch besser, aber wo finden sich 4 Geigensolisten einfach so zusammen.

Hier zu sehen und zu hören!

 

Hörbegleiter:

 

Satz 1: Allegro

Das Orchestervorspiel beginnt piano mit einem rhythmischen, aus tiefer Lage emportauchenden Thema, das von einer mit Auftakt beginnenden melodiösen auf- und absteigenden Bogenmelodie der Klarinette beantwortet wird. Nach einer Fermate drängt sich dieser Auftakt in den Vordergrund und führt zu einem festlichen und rhythmisch geprägten Tutti des ganzen Orchesters.

Eine beruhigende Schlussformel leidet dann feinfühlig zum charmanten und einschmeichelnden zweiten Thema über, zuerst in den Streichern, dann in den Bläsern sich präsentierend. Das Orchestervorspiel endet mit rhythmischen Motiven, die dem ersten Thema entnommen sind.

Dann – nach einem erwartungsvollen Einhalten des Orchesters – erfolgt der Einsatz der 4 Geigen, und zwar alle zusammen mit dem rhythmisch leicht variierten ersten Thema. Der Zauber des Stückes besteht im Weiteren im Hin- und Her des gegenseitigen Zuspielens von Figuren und neuen Melodiephrasen. Köstlich wie etwas später das zweite Thema von den 4 Geigen genüsslich eingeführt, frei variiert und von den Geigen einzeln ausgesungen wird.

Eine Art Geigen-Durchführung bringt virtuose Ablösungen und atemlos schnelle Läufe der 4 Geigen. Man könnte fast von «joggenden» Geigen sprechen. Eine ausgekostete Trillerkadenz führt schliesslich zum Tuttithema des vollen Orchesters zurück. Nach der Reprise des Hauptthemas kommt keine Wiederholung des zweiten schmachtenden Themas mehr. Pauken, ein stockendes Orchester und die Bogenmelodie der Klarinette führen direkt in den zweiten Satz Andante.

 

 

Satz 2: Andante

In Terzen steigt das Andante in den 4 Sologeigen empor und sinkt und steigt wieder und singt sich aus. Später treten eine Pizzicato-Begleitung der Streicher (und schnelle Begleitfiguren der ersten Sologeige) zur Melodie dazu. Kurz übernehmen die Orchesterstreicher das gesangliche Thema, doch die 4 Geigen lassen sich diese Melodie voller Zärtlichkeit nicht wegnehmen und wiederholen die schwärmerische Melodie gemeinsam, ersterben fast daran und leiten dann direkt in den Schlusssatz über…

Satz 3: Allegro

 … wo sie sofort und attacca ein hüpfendes, fröhliches Thema anstimmen, um mit ihm zu spielen. Erst nach einigen Orchester-einwürfen beginnt Geige um Geige, eine nach der andern, mit einer ganz anderen unendlichen Melodie, die in schmerzhafte Bereiche führt. Die Harmonien werden verletzlicher, der musikalische Schwung droht zu erstarren. Dann aber löst ein leichtes, von Vorschlägen und Trillern gelichtetes Thema diese Besinnlichkeit ab und verleiht wieder der Leichtigkeit des Seins ihren Platz. Das erste hüpfende Thema kommt wieder, zuerst in den 4 Geigen (wieder mit reizvoller Pizzicato-Begleitung der Orchesterstreicher), darauf im vollen triumphierenden Tutti des Orchesters. Doch die zweifelnde Befragung dieser Freudigkeit folgt auf dem Fuss, bzw. im Doppel von Soli und Streichern und der spannungsvollen Durchführung, die erst durch die Reprise des trillernden Leichtigkeits-Themas beendet wird. Nach ausgiebigen Läufen der 4 Geigen und einem erschöpften Innehalten folgt dann die Reprise des hüpfenden Themas in den Geigen. Spielerisch führen sich abspaltende Themenmotive schliesslich zur brillanten und virtuosen Kadenz, einer Herausforderung für das Zusammenspiel der 4 Geigen. Nach dem leisen Wiedereinsatz des Orchesters führen schnelle Triolenläufe der Sologeigen zu einem wirkungsvollen Schluss. Der Applaus für dieses glitzernde Bijou der Geigenliteratur ist garantiert!

 


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