Franz Clement: Violinkonzert No 1 D-Dur

Eintritt der Solostimme im ersten Satz
Eintritt der Solostimme im ersten Satz

Franz Clement

geboren am 18. Nov. 1780 in Wien

gestorben am 3. Nov. 1842 in Wien

 

Uraufführung: 7. April 1805

(zum Vergleich: Uraufführung des Beethoven Violinkonzertes: 23. Dezember 1806)

 

CD-Empfehlungen:  

Rachel Barton Pie 2007

Mirijam Contzen 2019 

 


Clements erstes Violinkonzert wurde am 7. April 1805 im Theater an der Wien vom kaum 25 jährigen Clement selbst uraufgeführt, übrigens ein Jahr vor Beethovens Violinkonzert opus 61, das ebenfalls in D-Dur steht. Zufall oder nicht, eher nicht. Beethoven schätzte den Wiener Stargeiger Franz Clement, der ein Wunderkind wie Mozart gewesen war und der mit seinem freien Fantasieren auf der Geige grosse Erfolge feierte. Clement war auch bei manchen Uraufführungen Beethovenscher Werke (u.a. der Oper Leonore, der Eroica) als Konzertmeister mitbeteiligt. Beethoven war voll des Lobes, als er schon 1794 ins Stammbuch von Clement eine Eintragung machte, die Clement als grossen Künstler feiert. Auch von den Musikkritikern wurde Clements «unbeschreibliche Zierlichkeit, Nettigkeit und Eleganz, eine äusserst liebliche Zartheit und Reinheit des Spiels» hervorgehoben (1805 in der Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung). Es scheint, dass Clement sich für die Komposition seines ersten Violinkonzertes von den bereits entstandenen Klavierkonzerten Beethovens beeinflussen liess, auf jeden Fall mehr als von Mozarts oder Haydns Konzerten. Übrigens spielte Clement auch sehr gut Klavier und hatte ein phänomenales Musikgedächtnis, denn er soll nach Aufführungen von Haydns Schöpfung, an denen er als Geiger mitwirkte, nur aufgrund des Librettos eine Klavierbearbeitung erstellt haben. Als ausübender Geiger und als Komponist verfolgte er, was kompositorisch und geigerisch in seiner Umgebung geschah. Auch speziell für sein Soloinstrument, die Geige, zu komponieren, war damals üblich, sowohl in Frankreich (Rohde, Kreutzer) wie auch in Deutschland (Spohr). Und etwas später war es für Paganini ein Bedürfnis, in eigenen Violinkonzerten seine Geigenkunst zu zeigen.

 

Ein Jahr nach seinem eigenen ersten Violinkonzert wünschte sich Clement ein Konzert von Beethoven für die Geige. Und erst langsam wird in Musikerkreisen bekannt, dass Beethoven für sein Violinkonzert viel von und für Clement übernommen hat. Die Ansicht, Beethovens Violinkonzert stehe wie ein erratischer Block zwischen den Violinkonzerten von Mozart und Mendelssohn, muss korrigiert werden. Über die Partitur schrieb Beethoven übrigens humorvoll «Concerto par Clemenza pour Clement». Dass Clement aber als erster Interpret auch viele Ossia-Stellen der Partitur des Violinkonzerts von Beethoven erst zu den definitiven bekannten geigerischen Figurationen beigetragen hat, ist vergessen gegangen. Wie man leicht hören kann, liess sich Beethoven von Clements erstem Konzert und seiner Geigenkunst beeinflussen. Umgekehrt wird Clement 1810 in seinem zweiten Violinkonzert auch kompositorisch noch mehr von Beethoven übernehmen, wie das damals unter Komponisten üblich war. Die ganze Anlage von Beethovens Violinkonzert D-Dur op 61, apollinische Lyrik (1. Satz), schwebende Melodien (2. Satz) und abschliessender ausgelassener Tanz, findet sich auch schon bei Clement. Dass Beethoven diese Anlage aber dann auf seine Art radikalisiert, beweist nicht nur bereits der ungewohnte Beginn mit den Paukenschlägen, diesem klingenden Symbol für das unaufhaltsame Schreiten der Zeit! Dennoch lohnt es sich, auch das Violinkonzert von Franz Clement genauer anzuhören, im Bewusstsein, dass es Beethovens Violinkonzert damals noch nicht gab, Beethoven aber Clements Konzert in Wien sehr wohl kennen und schätzen gelernt hatte.

 

Hier zu hören:

1. Satz

2. Satz

3. Satz

Satz 1  (Allegro maestoso)

Ein erstes Thema schreitet rhythmisch voran, farbig durch die Instrumente gereicht. Es schliesst triumphal ab, bevor dann ein wiegendes zweites Thema erscheint, das neben den Streichern auch die Flöte mitprägt. Mit einem aufsteigenden Lauf beansprucht die Solo-Violine, die den Orchesterpart nach damaliger Usanz wahr-scheinlich mitgespielt hat, jetzt entschieden das erste Thema für sich und führt es weiter, spielt mit ihm und bereitet das zweite Thema vor und findet Austausch und Dialog mit den Instrumenten des Orchesters (übrigens die gleiche Orchesterbesetzung wie später Beethovens Violinkonzert!). Auffallend schon hier, wie die Figurationen der Violine immer wieder hervortretende Bläsersoli begleiten. Bei Mozart hätte es das noch nicht gegeben. Nach einem wieder sehr farbigen Orchesterzwischenspiel setzt die Geige in h-moll ein, es folgt als Durchführung eine besinnliche, fast betrübt-gedankliche Phase. Die Geige schreitet mit Figurationen und Läufen voran. Dann taucht kurz  ein Marsch im Orchester auf. Im Dialog mit verschiedenen Instrumenten findet die Geige wieder zur lyrisch freundlichen Stimmung des Anfangs zurück. Friedlich erklingt in der Reprise nach dem ersten Thema dann auch das lyrische zweite Thema. Die Bläser (mal Flöte, mal Klarinette, alle zusammen, und besonders schön das Fagott) treten immer wieder deutlich in den Vordergrund. Die Schlusscoda versammelt nochmals alle Kraft des  Orchesters und alle Virtuosität in der Geige, die zur obligaten Kadenz ansetzt. Resolut einfallend beschliesst das Orchester diesen Satz, der insgesamt eine ideale Welt im Stil der Wiener Klassik dargestellt hat.

Satz 2 (Adagio)

Zu Clements Geigenspiel gehörte laut einer zeitgenössischen Kritik «eine unbeschreibliche Zierlichkeit, Nettigkeit und Eleganz, eine äusserst liebliche Zartheit und Reinheit des Spiels» (AMZ 1805, Sp 500). Anders als bei Beethoven verläuft der zweite lyrische Satz nicht suchend und fragend, sondern in eigener Leichtigkeit singend, ganz wie Clements Geigenspiel beschrieben wurde. Mit einer Improvisation beginnt die Geige ihre schön ausgesungene Melodie. Man hat den Eindruck, mit jedem neuen Einsatz werde die Melodie noch schöner, noch lyrischer. Das Orchester übernimmt die Melodie und singt mit. In einem mittleren Teil (con più moto, also etwas schneller im Tempo) zeigt Clement seine spielerischen Geigenläufe und virtuosen Figurationen, während ein Bläserchor einen eigenen ruhigen Gesang vorträgt. In der Reprise verziert die Geige die Melodien des ersten Teils mit Ornamenten ganz eigener geigerischer Art. Orchester und Geige bleiben in ausgewogener Einigkeit, sich gegenseitig zum fast idealen instrumentalen Singen animierend.

Satz 3 Rondo. Allegro

Tänzerisch beginnt, wie ein Jahr später auch in Beethovens Violinkonzert, der dritte Satz. Die Geige startet im wiegenden 6/8tel Takt, tanzt vor, bis auch das Orchester mit einfällt. Dann präsentiert die Geige Doppelgriffe und technische Feinheiten, Läufe auf und ab, und gelangt wieder und wieder zurück zum tänzerischen Glück, oft von den Bläsern sekundiert. Ein Sich-Bewegen in unproblematischer Freude.  

 

Das ganze Konzert stellt Musik vor, die uns alles Licht und alle Schattierungen von Lyrik, Gesang und Glück erlauschen lässt, einen Humanismus des Glücks und der Ausgewogenheit jenseits allen Kummers der Welt. Ziel der Kunst kann auch sein: emotionale Erholung im gemeinsamen Spiel. 


www.unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com

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