Joseph Martin Kraus: Violinkonzert C-Dur VB 151

Beginn des Konzertes (Klavierauszug)
Beginn des Konzertes (Klavierauszug)

Joseph Martin Kraus,

geboren am 20. Juni 1756 in Miltenberg (D)

gestorben am 15. Dezember 1792 in Stockholm

 

Entstehungszeit: um 1777-78

 

CD-Empfehlung:

Takako Nishizaki 2006

Was auffällt: Joseph Martin Kraus hat fast die gleichen Lebensdaten wie Mozart, er wurde fast gleich alt und verstarb ebenfalls jung, nur ein Jahr später als Mozart, an Tuberkulose. Geboren in Miltenberg am Main studierte er Rechtswissenschaften in Mainz und Ehrfurt, beschäftigte sich aber auch schon intensiv mit Musik. Dank eines Studienfreundes kam er nach Schweden. Er verfasste eine Streitschrift mit dem Titel "Etwas von und über Musik: fürs Jahr 1777" eine musikästhetische Abhandlung im Sinne  der Ästhetik des Sturm und Dranges. Nach einer harten Zeit in Schweden hatte er das Glück, zweiter Hofkapellmeister am Schwedischen Hof zu werden. Er komponierte dort Streichquartette, Sinfonien und sogar Opern in schwedischer Sprache. Wie Mozart war er schon jung einer der talentiertesten Komponisten am Ende des 18. Jahrhunderts. Joseph Haydn sagte über ihn: „Ich besitze von ihm eine seiner Sinfonien, die ich zur Erinnerung an eines der größten Genies, die ich gekannt habe, aufbewahre. Ich habe von ihm nur dieses einzige Werk, weiss aber, dass er noch anderes Vortreffliches geschrieben hat“[1]. Auch wenn Haydn nach einem Besuch von Kraus in Esterhazy über dessen Musik urteilte, sie sei «Musik von erstaunlicher Perfektion», und Kraus eines der zwei Genies seiner Zeit nannte (mitgemeint war Mozart), geriet das Werk von Kraus bis ins 20. Jahrhundert völlig in Vergessenheit. Auch heute sind einzelne Sinfonien von ihm nur noch in Musikerkreisen bekannt. Auch sein einziges Violinkonzert lohnt das genauere Wiederhören, steht es doch den Violinkonzerten Mozarts nah, ist vom Geigenpart her aber anspruchsvoller. 



[1] Zitat entnommen der Homepage der Joseph Martin Kraus-Gesellschaft:  http://www.kraus-gesellschaft.de

 

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

 

Satz 1 (Allegro moderato)

Gleich zu Beginn bringt das Orchester (klassisch besetzt mit Streichern, 2 Flöten, 2 Hörnern) ein Thema, das Reden und Gegenrede verbindet. Entschieden nachdoppelnd das erste Motiv, zärtlich nachfragend der zweite Thementeil, der dann weiter pulsiert und vorwärtsdrängt, bis nach einem kurzen Einhalt in den Streichern das Nebenthema in ruhigen Vierteln aufblüht. Die Sologeige übernimmt  das Anfangsmotiv und verbindet es gleich mit dessen zärtlichen Gegenfigurationen. Die Geige nimmt uns gleichsam mit auf die Reise in liebliche und freudige Welten. Eine kurze Kadenz in der Geige leitet über zum Anfangsmotiv, dieses Mal in G-Dur und führt in einen virtuosen Mittelteil, eine Art Durchführung. Nie vergisst der Satz sein Anfangsmotiv, nie die Zärtlichkeit der Gegenrede. C-Dur kommt wieder. Die virtuosen Figurationen sind anspruchsvoll, die Geige steigt an einer Stelle bis ins hohe c’’’’ hoch, von Hörnern untermalt. Auch das Nebenthema erscheint wieder, bis die Hörner um Aufmerksamkeit bitten, das Orchester in leiser Harmonie zuhört und Raum gibt für den Auftritt der Hauptkadenz des Solisten. Danach meldet sich nochmals da capo das Orchester mit der ganzen Exposition des Anfangs. Ein ungewohnt langer Satz für ein Konzert dieser Zeit (ca. 15 Minuten) – aber charakterisiert vom Ausgleich von energischem Vorangehen (Sturm und Drang!) und zärtlicher Verspieltheit, alles versöhnt in klassisch freiem Geist.

Satz 2 (Adagio)

Was für ein wunderschönes lyrisches Adagio! Man könnte es mit Mozarts zweitem Satz des G-Dur-Violinkonzerts KV 216 vergleichen. Nur Streicherklang; Hörner und Flöte schweigen. Die Streicher beginnen zu singen und zu erzählen. Dann spielt die Solovioline die Melodie eine Oktave höher, ausführlicher, verweilend, ruhig, sich Zeit nehmend, und setzt mit ihrer eingängigen Eröffnungsgeste immer wieder neu ein, die Zuhörenden zum sehnsuchtsvollen Mitfühlen einladend. Unvermutet trübt sich die Harmonie, die Musik steigt in dunklere Regionen, sie vermittelt bei aller Schönheit auch existentielles Wissen über das Dunkle. Dann ein Zögern im pianissimo, doch die Schönheit der Melodie obsiegt. Dann noch Raum für eine freie Kadenz, die die Solist:innen einlädt, seine oder ihre lyrischen Fähigkeiten zu zeigen. 

Satz 3 (Rondo)

Nach dieser Ruhe und Besinnung des Adagios stellt die Geige ein Rondomotiv zweimal hintereinander in den Raum, als rufe sie in Erinnerung, dass die Zeit weitergeht. Das Orchester greif das Rondothema sofort auf. Dann greift die Geige voll in die Saiten und durchläuft in rasendem Tempo ihre 32tel Figuren. Wieder kommt das Rondothema, wieder wirft sich die Geige mit dunklem Ton in die Anforderungen der Partitur, ab und zu etwas ermüdet einhaltend, nur um mit ihren 32teln wieder voll präsent zu sein. Weiter- und weitergehen im Leben, bis ganz am Schluss des Satzes ein kleiner diskreter Schlenzer der Sologeige das Rondo abrupt abreissen lässt.


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