Gaetano Pugnani: Concerto per violino e orchestra A-Dur (1783)

Ausschnitt aus der Solostimme des ersten Satzes von Pugnanis Violinkonzert A-Dur
Ausschnitt aus der Solostimme des ersten Satzes von Pugnanis Violinkonzert A-Dur

Gaetano Pugnani

geboren 27. Nov. 1731 in Torino
gestorben 15. Juli 1798 in Torino

 

Veröffentlicht

1783 in Paris durch den Verleger Sieber

 

CD-Aufnahme:

2015 Roberto Noferini


Gaetano Pugnani war ein europaweit bekannter Geigenvirtuose des 18. Jahrhunderts und gehörte zur sogenannten Piemontesischen Geigenschule. Zeitlebens war er Hofmusiker am savoyischen Hof von Turin. Schon als 12Jähriger sass er mit seiner Geige im Hoforchester. Nach Studien beim berühmten Giovan Battista Somis wurde er zuerst Anführer der zweiten Geigen im Orchester und stieg dann im Verlauf seines Leben 1776 zum Musikdirektor des Hoforchesters auf. Seine Virtuosenreisen führten ihn in die meisten damaligen europäischen Musikzentren, berühmt ist seine Reise mit seinem von ihm geförderten Schüler Giovanni Battista Viotti nach Paris.

 

Man kann Pugnani nicht als Kleinmeister des 18. Jahrhunderts abtun, im Gegenteil, von Fachleuten wurde er auch schon «italienischer Klassiker par excellence» genannt. Denn er hat ein vielfältiges, alle Sparten damaligen Komponierens umfassendes Werk hinterlassen, darunter einige damals sehr erfolgreiche Opern, ein Melodrama nach Goethe («Werther»), 4 sätzige Sinfonien, Konzerte, Streichquartette und weitere Kammermusik.

 

Wohl wegen der politischen Umwälzungen nach seinem Tode und des grossen Einflusses, den sein Schüler Viotti von Paris aus auf die Entwicklung der Geschichte des Violinkonzertes ausübte, verblasste sein Wirken und Werk zunehmend und wurde vergessen. Vergessen wurde auch, dass es wohl Pugnani war, der die Entwicklung des modernen Geigenbogens entscheidend geprägt hatte, nicht zuletzt um seine weitausholenden Melodien seines Geigenspiels wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.

 

Sein Name tauchte unter Geigern erst wieder auf, als Fritz Kreisler, der grosse Geiger der köstlichen Zugabestücken, unter Pugnanis Name das erfolgreiche Präludium und Allegro veröffentliche und damit die Musikwelt narrte. Noch heute gibt es viel mehr Aufnahmen des Kreislerstücks im Stile Pugnanis, als es Aufnahmen der fünf erhaltenen Violinkonzerte von Pugnani selbst gibt.

 

Das hier ausgewählte Violinkonzert in A-Dur scheint das späteste der erhaltenen Pugnani-Konzerte zu sein und wurde erst 1783 wohl dank den Bemühungen seines Schülers Viotti beim Verleger Sieber in Paris veröffentlicht.

Hier zu hören:

Satz 1: Allegro maestosoSatz 2: LargoSatz 3: Rondó andantino
Hörbegleiter:

Satz 1: Allegro Maestoso

Wie in einem kurzen Vorspann präsentiert das Orchester seine neuen Klangmöglichkeiten (mit Hörnern und Oboen) und erprobt leise Melodieelemente. Dann aber legen die Streicher, getragen vom feierlichen Orchesterklang, mit ihrem Allegro-maestoso-Thema los. Und sogleich nimmt das Orchester genügend Raum ein, um seine Melodien festlich weit auszubreiten, von pochenden Hörnerrufen angetrieben.

 

Ein feineres, zweites melodiöses und weitausgreifendes Thema mischt sich dazwischen. Feierlich wird der Auftritt der Geige vorbereitet.

 

Dann übernimmt die Sologeige das rhythmisch akzentuierte Maestoso-Thema. Beschwingt und frei spielt sie mit den vorgegebenen Melodieelementen. Der Maestoso-Prunk wird dadurch etwas relativiert, alles wird etwas bescheidener, aber auch gesanglicher. Eine kurze Besinnlichkeit führt zum zweiten Thema in der Geige, bis diese sich wieder in geistreiche Spielchen verliebt. Das begleitende Orchester bleibt aktiv und verschränkt sich mit der dominierenden Geige, aber es kommt, anders als in den Barockkonzerten, immer mehr zu einem dialogischen Austausch zwischen Geige und Orchester.

 

Ein Zwischenritornell des Orchesters unterbindet kurz das Spiel der Geige, danach darf die Geige wieder brillieren und ihren Belcanto in grosser Freiheit aussingen. Die Geige wird zu einem sich selbstdarstellenden, vielfältigen Stimmungen ausgesetzten Individuum innerhalb seiner Welt des Orchesters, ein humanistisches Ideal zeichnet sich ab. Und das Orchester, Streicher und prominent die Hörner, bestätigen dieses Sich-frei-Singen der Geige variantenreich.

 

Die Rekapitulation des Maestoso-Themas in A-Dur übernimmt die Sologeige selbstbewusst gleich selbst. Das Nebenthema wird fallen gelassen. Dagegen öffnet das Orchester den Raum für eine ausgiebige Kadenz, die spontan an Ort improvisiert werden soll, motiviert von den neuen technischen Möglichkeiten des Geigenspiels. Kurzer Abschluss des Orchesters.

Satz 2: Largo

Das Orchester setzt zweimal zu einer bezaubernden, nach oben strebenden Melodie an. Doch dann überlässt das Orchester diese Melodie der Sologeige, die diese verziert und in die Weite wachsen lässt.

 

Über leisen Streicherklängen setzt die Geige sphärisch und besinnlich neu an und erklimmt bezaubernde Höhen, um dann wieder zurückzufinden und ihren ersten Soloteil still und zärtlich zu beenden. Das Orchester unterbricht  mit einem schlichten Zwischenspiel. Mit feinen Trillern setzt das Solo wieder ein und singt neue Melodien und bekräftigt ihr Singen mit klangvollem Doppelgriffspiel.

 

Mit einem nochmaligen Zwischenspiel des Orchesters öffnet sich der Raum für eine sphärische Kadenz (bemerkenswert in der Aufnahme von Roberto Noferini die von ihm selbst improvisierte Kadenz!). Stiller Abschluss. Es folge das Rondeau...

Satz 3: Rondó andantino

Statt des erwarteten Rondeaus französischer Art, wie es von einem Paris-orientierten Publikum damals erwartet wurde, bringt Pugnani in diesem A-Dur-Konzert einen Variationensatz, allerdings klug vermischt mit Rondo-Elementen. Ein gemächlich dahinmarschierendes Thema kommt in schlichtem, aber elementarem Frage-Antwort-Stil daher.

 

Die Geige wiederholt dieses zu variierende Thema melodiös und lässt ahnen, was in dessen Einfachheit steckt. Dann folgen 5 Variationen, immer wieder vom Ritornello des Orchesters unterbrochen, sodass eine einzigartige Form eines Rondo-Variationensatzes entsteht.

 

Die nun folgenden Variationen unterscheiden sich in ihrem Charakter:

1. Variation: mit rhythmisch spannenden Figurationen der Geige

2. Variation: Doppelgriffe-Variation

3. Variation: feine Umgestaltung der Thema-Melodie

4. Variation: Das Thema verwandelt sich in Figurationen in luftigen Höhen.

5. Variation: Sozusagen als Coda folgt ein mitreissendes Moto perpetuo und bringt dieses bemerkenswerte Konzert trotzdem zu einem brillanten Ende, nicht ohne nochmals kurz vor Schluss die gesanglichen Möglichkeiten des neuen Geigenspiels hervorzustellen.

 

 


www.unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com

Kontakt

 

tonibernet@gmx.ch