Carlo Tessarini: Concerto G-Dur op. 1 No. 5 (BCT 30/V)

Carlo Tessarini

geboren um 1690 in Rimini,

gestorben nach dem 15. Dez. 1767 in Amsterdam

 

Herausgegeben:

1724 in Amsterdam

 

CD-Einspielung:

2010 Marco Pedrona und Ensemble Guidantus


Von Carlo Tessarini von Rimini sind 36 Konzerte für Solo-Violine erhalten geblieben. Das ist die grösste Anzahl erhaltener Violinkonzerte in der Republik Venedig - nach denen von Vivaldi und Tartini. Auch sonst steht Tessarini in Venedig in der Nachfolge von Vivaldi, allerdings mit einigen speziellen Stileigenschaften, die ihn als jüngeren Vivaldianer auch heute noch interessant machen.

 

Geboren ist Tessarini in einer Familie in Rimini. Er zog später nach Venedig und war dann von 1716 – 32 sowohl Violonista in der Cappella ducale di San Marco und - wie Vivaldi – auch Maestro di Violino in einem Waisenhaus, dem sogenannten Ospedaletto. Anschliessend war er in Urbino in der Cappella del Ss. Sacramento angestellt, und dies bis ca. 1758.  Allerdings verbrachte er einen grossen Teil seines Lebens unterwegs. Stationen seines Geiger-Wanderlebens waren Brno (beim mährischen Hof des Kardinals Grafen Wolfgang Hannibal von Schrattenbach von ca. 1736 – 1738); Paris (1744-46); Amsterdam 1746; England (1747-48), Holland 1760-66). Wir wissen bis heute nicht, wann genau Tessarini gestorben ist. Die letzte erhältliche Information über ihn  stammt vom 15. Dezember 1766.

 

Ein Zeugnis für den talentierten Geiger, aber auch für die Bekanntheit seiner Kompositionen damals, hinterliess 1762 der Groninger Organist und Schriftsteller Jacob Wilhelm Lustig: «Er (Tessarini) hat sich vor vier Wochen zum erstenmal hier bey uns eingestellet, und durch seine anmuthige Composition ergetzet. Er kann bey seinen grauen Haaren im 72sten Jahre eben so fertig ohne Brille lesen und schreiben, wie ein junger Mensch. Ja er übt sich täglich immerfort in dem a-la-modischen Styl, daher denn seine jetzige Composition den ersten 12 Conzerten gar nicht mehr ähnlich siehet. Darum rufe ich seitdem unseren Musicis, die in dem Mittelalter bereits träger werden, freundlich zu: Sancte Tessarini, ora pro nobis!»

 

Berühmt wurde Tessarini allerdings erst, als der Verleger Le Cène zwölf seiner Violinkonzerte in Amsterdam ohne Wissen von Tessarini als

Opus 1 publiziert hatte, wohl um ein Gegengewicht zu Vivaldi herzustellen und zu zeigen, dass in Venedig noch ein anderer interessanter Komponist von Violinkonzerten existiert, den man gut vermarkten konnte. Die Ausgabe ist deshalb alles andere als quellenkritisch exakt herausgegeben, von einigen Konzerten gibt es - zum Beispiel bei Pisendel in Dresden - alternative Abschriften. Sei es es, wie es war, Tessarini hatte gerade in England mit diesen Violinkonzerten grossen Erfolg gehabt.

 

Zu Tessarinis Kompositionsstil meint der Musikwissenschaftler Piotr Wilk:
Tessarini war «ein großer Verfechter der Ritornellform, die er im Allgemeinen in den Ecksätzen seiner Konzerte und manchmal auch in einem ganzen Werk (z. B. Op. 1 Nr. 5, 8) verwendete. Tessarini imitiert Vivaldi wie keiner seiner Kollegen, die in Venedig oder auf festem Boden komponierten. Dies zeigt sich vor allem in der motivischen Gestaltung, in den Rhythmen und Texturen, aber auch in der Architektonik seiner Werke. Er verwendet weitgehend ein Unisono-Motto mit Oktavsprüngen oder ein Hammermotto. Dies sind keine Kopien bekannter Mottos von Vivaldi, sondern Tessarinis eigene, von ihnen inspirierte Ideen. Hirshberg und McVeigh unterscheiden noch einen dritten, für Tessarini charakteristischen Mottotyp: das Ausfüllen größerer intervallischer Sprünge mit durchlaufenden Noten.

(…)

Als Vertreter einer jüngeren Generation verwendet er kühn auch den galanten Stil. Seine Melodieführung zeigt vermehrt Verzierungen und den Gebrauch kurzer Phrasen, die durch Pausen unterbrochen werden. Im Vergleich zu Vivaldi sind seine Konzerte durch größere Transparenz von Form und Textur geprägt, sowie durch Zurückhaltung bei der Verwendung suggestiver Ausdrucksmittel und durch ein einfacheres Schema der tonalen Beziehungen. Stilistisch gesehen illustrieren Tessarinis Werke perfekt den Übergang von der barocken Ästhetik zur Frühklassik; sie stellen eine Brücke zwischen dem barocken und dem klassischen Konzert dar.»

 

Geniessen wir jetzt das fünfte Violinkonzert aus der La-Cène-Ausgabe Opus 1. Und erfreuen wir uns an dessen eigener ästhetischer Qualität!

Hier zu hören:

Satz 1 

Satz 2

Satz 3

 

Hörbegleiter:

 

Satz 1: Allegro

Typisch Tessarini! Nicht selten beginnt bei ihm das Ritornell gleich unisono mit einem über zwei Oktaven abfallendem Motiv, hier in G, das dann über A und H in den ersten Geigen in die trillernden Spitzen aufsteigt, um dann wieder abzufallen. Sofort schwingen Synkopen mit - und zwar auf rhythmischen Bass-Achteln - und führen spielerisch zurück zum Anfangsmotiv, wobei sich dabei das abfallende Motiv verstärkt profiliert.

 

Mit zwei geigerischen Akkorden reisst die Geige ihr Solo an sich und übernimmt gesangliche G-Dur-Motivelemente sowie Synkopen aus dem ersten Ritornell und schreitet erzählend fort, bis das zweite Ritornell und das Abfall-motiv wieder übernehmen. Die Geige fügt sich in dieses Schweben und Suchen ein und erkundet gleichzeitig neue Verzierungen und neues Land, bis das Anfangsthema zum dritten Mal, dieses Mal in D-Dur, im Tutti wieder kommt und sich in langen Abwärtsbewegungen verströmt.

 

Dieses Ritornell wird erneut durch zwei Geigenakkorde am Beginn des letzten Solos der Geige unterbrochen. Die Geige fügt sich erneut in diesen Sog der Musik ein. Mit den uns bereits bekannten Synkopen mischt sich nochmals das Tutti ein und bereitet der Geige eine Art Bühne für eine kurze Kadenz in Arpeggien und Figurationen vor.

 

Am Schluss folgt – wie das Tessarini vom Konzertmodell von Vivaldi übernommen hat – nochmals das Ritornell des ganzen Orchesters mit den für dieses Konzert ganz spezifischen, das musikalische Geschehen prägenden Motiveinheiten.

 

Satz 2: Largo

Unter den vielen Varianten seiner Zeit wählt Tessarini für den mittleren Satz die Form einer Solo-Aria, eingebettet in die Form eines minimalisierten Ritornell-Satzes. Das Tutti stellt im Eingangs-Ritornell eine gesangliche Phrase vor, die dreiteilig aufgebaut ist, zuerst eine sich zweimal wiederholende Figur mit hervorgehobenem E in den Geigen, dann eine schöne sich viermal auf- und abwärtsbewegende Bogenmelodie und schliesslich ein synkopisch-rhythmisch absinkender Abschlussteil. Aus diesen Motiven entwickelt die Sologeige anschliessend den Satz arienartig und harmonisch variierend weiter. Es bildet sich ein Gesang in schönster Geigenlage, bei dem man mitsingen oder gar mitgeigen möchte.

 

In einer Rekapitulation des Anfangs beschliesst des Orchesters dieses kurze lyrisch zauberhafte Musikstück in schönster klassischer Ausgeglichenheit.

 

 

 

Satz 3: Allegro

Es beginnt, als wär’s ein Tanz. Ein flüssig und rhythmisch daherkommendes Synkopenthema eröffnet den Schlusssatz in G-Dur. In einem zweiten Abschnitt des Ritornells wird dieses Synkopenthema wiederholt und zudem motivisch leicht abgewandelt. Der dritte Abschnitt dieses Tutti-Ritornells bringt noch eine weitere Variante der Synkopenmotivik und leitet weit ausholend zum Abschluss des ersten Ritornells über.

 

Der Soloteil stösst mit geigerischem Schwung dazu und wiegt sich Achtelnoten entlang und betont immer wieder die getakteten Synkopen- und Bariolage Figuren.

 

Das zweite Tutti-Ritornell setzt mit dem Synkopenthema des Anfangs ein, variiert aber den zweiten Abschnitt und führt direkt zum zweiten Solo, das wieder aus rhythmisch fantasievollen und synkopierenden Achtelfiguren besteht.

 

Das dritte Ritornell des Tutti beginnt mit dem Synkopenmotiv jetzt in D-Dur und brilliert mit Klangflächen und Figuren, bis auch die Sologeige wieder dazukommt und ihre ganze Geigen-Rhethorik ausbreitet.

 

In tänzerischem Ritornello-Schwung geht der Satz in G-Dur zu Ende.

 

 

 

 


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