Antonio Lolli: Concerto No. 7 G-Dur (1775)

Dritter Satz Allegro: Schlusssolo der Sologeige
Dritter Satz Allegro: Schlusssolo der Sologeige

Antonio Lolli

geboren um 1725 in Bergamo
gestorben 1802 in Palermo

 

Uraufführung

1775 durch Giovanni Giornovichi (auch Ivan Mane Jarnović) in Paris im Concert Spirituel

 

CD-Aufnahme

Luca Fanfoni 2006


Kurze Vorbemerkung: Antonio Lolli könnte aus sprachlichen Gründen leicht mit Antonio Lotti, dem fast zwei Generationen älteren venezianischen Komponisten und ehemaligen Maestro di Cappella der Markuskirche verwechselt werden. Hier aber geht es um Antonio Lolli und um die Violinkonzerte dieses im 18. Jahrhundert europaweit berühmten und virtuosen Ausnahmegeigers, geboren in Bergamo um 1725, gestorben 1802 in Palermo.

 

Stationen seines Lebens waren:

  • 1758–74: Soloviolonist am Hof von Stuttgart;
  • 1774–83: Kammervirtuose am Hofe Katharinas der Grossen in St. Petersburg;
  • Dazwischen und danach ausgedehnte Konzertreisen nach London, Paris (am Concert Spirituel komponierte er für den Chevalier de Saint Georges), Wien (wo er Freundschaft mit Carl Ditters von Dittersdorf schloss), durch Italien, wo ihn auch Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart trafen);
  • 1796 zog er nach Neapel, dann nach Palermo, wo er trotz seiner immer beträchtlichen Einnahmen verarmt und wohl wegen Spielsucht verschuldet starb.

Lollis neun Violinkonzerte kamen alle in Paris heraus. Alle sind unbekannt, denn Lolli blieb mehr als Geiger denn als Komponist in Erinnerung. Der berühmte Musikkritiker Eduard Hanslick bezeichnete Lolli in seiner Geschichte des Concertwesens in Wien (Wien: Braumüller, 1869, S. 107) als „Vorläufer und Vorbild für Paganini und geistigen Vater aller Geigenvirtuosen“. Auch heute erkennt Giuliano Carmignola geniale Momente in der Geigentechnik Lollis: «Lolli spielt mit kühnen Passagen, er bringt Oktaven- und Dezimenläufe, aberwitzige Sprünge und Lagenwechsel. Manches erinnert an Locatelli, und es weist zugleich schon voraus auf Paganini».

 

Die zeitgenössische Kritik an Lollis Kompositionen (vor allem Violinkonzerte und Violinsonaten) war gespalten: In der Allgemeinen Musikalischen Zeitung heißt es, dass Lollis außergewöhnliche Technik, die für die schnellen Sätze der Konzerte gut geeignet sei, nicht von ausreichender Musikalität getragen werde, was seine Ausdruckskraft in den mittleren Tempi stark einschränke (Allgemeine Musikalische Zeitung, 12. Juni 1799, 578-584). Die langsamen Sätze seien voller harmonischer Schocks und die schnellen überladen mit bravourösen Passagen. Es fehle am strengen Kontrapunkt, Lolli sei ein Mechaniker, habe oft die Fertigstellung der Orchesterstimmen andern überlassen.

 

Positiver beschreiben ihn die Chroniken seiner Zeit als einen besonders eleganten, raffinierten, ironischen, launischen, kunstliebenden und manchmal provozierenden Mann. Der deutscher Dichter und Komponist Christian Schubart bezeichnete Lolli wegen des starken, poetischen und bestimmten Charakters seiner Darbietungen als "vielleicht der Shakespear [sic] unter den Geigern".

Mehr zum Lebenslauf Lollis: hier!

 

Es stellt sich die Frage, welches dieser neun unbekannten Violinkonzerte also hervorzuheben ist, um an diesen unbekannten Pionier der Virtuosität und einer neuen Geigentechnik zu erinnern?

 

Weil sich alle Konzerte in der Virtuosität der Geigenstimme ähneln, spielt es keine entscheidende Rolle. Ich wähle das siebte Konzert in G-Dur, das 1775 von einem Schüler Lollis, dem italokroatischen Geiger Giornovichi / Jarnovicek in Paris im Concert Spirituel aufgeführt wurde und nach – leider ungeprüften Quellen – den grössten Erfolg aller seiner Konzerte hatte. Sich in dieses Konzert einzuhören, lohnt sich für alle Geigenfans auf jeden Fall.

 

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

Satz 1: Allegro Spiritoso

Zwei Motive prägen das erste Thema: zweimal ein Mehr-Oktavensprung und eine synkopisch antwortende gesangliche Geste, ein geistvoll-spannungsreicher Beginn, echt dialektisch und "spiritoso". Eine knappe Weiterführung der antwortenden Geste führt zu einem zweiten schlichteren wiegenden Thema, das charmant und elegant daherkommt. Ein Mannheimer Crescendo und ein deutlicher Abschluss beendet dieses einführende Ritornello alten Stils.

 

Es folgt der Einsatz der Sologeige, und man merkt, wie passend die Ritornell-Themen auf die Geige angepasst sind. Grosse Mehr-Oktavensprünge über der leeren G-Seite, dann steigern Doppelgriffe die Wirkung des Spiritoso-Themas. Die antwortende Geste entschwebt in pikante Höhe und schliesst dann ebenfalls in Doppelgriffen.Auch das wiegende zweite Thema entführt die Geige in technisch virtuose Höhen. Sie spielt mit ihm bis zu einem höchst möglichen Abschlusston.

 

Im zweiten Tutti erscheint wieder das Ritornell-Hauptthema, jetzt in der Dominante D. Auch das Mannheimer Crescendo lässt sich wieder hören. Dann steigt auch die Sologeige mit dem Kopfmotive in der Dominante D ein und variiert das erste Thema in langen Triolenpassagen, die wieder in technisch erstaunliche Höhen führen. In diesen Höhen lässt sich dann plötzlich auch variiert das zweite Thema in Moll-Einfärbung hören, das dann gleich zur Verdeutlichung im sonoren tieferen Geigenklang wiederholt wird.

 

Das dritte kurze Ritornell-Tutti beginnt in Moll und führt wieder zurück zum Kopfmotiv in Dur. Dann nimmt sich die Geige alle Freiheit und erfindet Variantenmotive und neue Themen, die sich aus ihren wilden Passagen und Doppelgriffen ergeben. Eine lyrische Passage in der Geige – zuerst in hohem, dann in tiefem Register - lässt nochmals aufhorchen, bevor die Geige dann in raschen Achtelläufen entschlossen in Richtung Schluss-Spitzentöne eilt. Den Abschluss macht das Tutti in kurzem strahlendem G-Dur.

 

Satz 2: Adagio cantabile

Ein punktierter aufsteigender e-moll- Dreiklang der Streicher und ein anschliessendes gemächlich absteigendes Auspendeln eröffnet die Tutti-Begleitung für einen lyrischen Soloeinsatz der Geige. Eine schlichte, in träumerischem Moll beginnende Melodie findet erst über mehrere ungewohnte Wendungen zu ihrem Ende.

 

Ein absteigender punktierter Dreiklang der Streicher lädt die Geige gleich ein, weiter ihrer Melodie zu folgen, die nun zu melodischer Schlichtheit und zu G-Dur in befreiender Höhe hinfindet.

 

Ein kurzes Zwischenspiel des Tutti führt zu einer Art Reprise der anfänglichen e-moll-Melodie, die sich aber nach einiger Zeit auch träumerisch zu verirren scheint und erst in einer Art Kadenz zu einem Abschluss findet, vom Tutti schliesslich in e-moll auch schlicht beendet.

 

 

 

Satz 3: Allegro

Ein rhythmisch vielgliedriges G-Dur-Allegrothema im Tutti dominiert den bewegten Beginn des letzten Satzes. Ein Nebenthema des einleitenden Ritornellos erinnert an die Melodie des Mittelsatzes, ein weiteres Thema pendelt fast signalartig zwischen D und E der mittleren Lage.

 

Die Sologeige setzt zweimal mit dem rhythmischen Allegrothema ein, nutzt dann aber schnell die Gelegenheit Passagen mit virtuosen Sprüngen und Figurationen in höchsten Lagen aufzusuchen und dem Publikum zu präsentieren. Ist es nicht solch einschmeichelndes extrem hohes, sensationelles Geigenspiel, das das Publikum auch damals schon hören wollte?

 

Auch das Hauptthema wird fast unkenntnlich in virtuoses Spiel verwandelt: die Geige liefert reichlich, bis das Tutti das signalartige Nebenthema anspielt, das die Geige auch gleich übernimmt, als hätte sie es vor lauter Geigentechnik vergessen. Aber auch dieses Thema wird genial in Virtuosität verwandelt.

 

Schliesslich stimmt das Tutti das zweite Ritornello in der Dominante D-Dur in tieferer diskreter Lage an, lässt dann aber das signalhafte Nebenthema hell aufblühen.

 

Die Sologeige setzt ebenfalls in der Dominante mit dem Allegrothema des Beginns zu ihrem zweiten virtuosen Solo ein. Wieder sind es schnelle Sechzehntel-Passagen, einschmeichelnde Höhen, 32tel-Figurationen und Doppelgriffspiel, was das Publikum zum Staunen bringen soll.

 

Nach einem sich einmischenden Crescendo-Teil des Tutti bringt die Sologeige zur Abwechslung eine Art Marschthema (siehe Abbildung oben), das sich aus Elementen der Ritornello-Themen zusammensetzt. Sogar ein Dolce-Thema umschmeichelt nochmals das Publikum, bevor staunenerregende Virtuosität zu einem brillanten, ganz auf die Sologeige ausgerichteten Schluss hinführt. Auf die Geige - als Instrument entdeckt anfangs 18. Jahrhundert und technisch perfektioniert zum Ende des Jahrhunderts – war in diesem Konzert alles ausgerichtet, ein Instrument wurde gefeiert und dank der Virtuosität zur Sensation.

 

 

 


www.unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com

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