Emanuele Barbella: Concerto A-Dur per violino principale, due violini, Violetta e basso (um 1750?)

Emanuele Barbella

geboren 14. April 1718 in Neapel
gestorben 10. Januar 1777 in Neapel

 

Uraufführung:
unbekannt, vermutlich in Neapel um die 1750er Jahre (Anhaltspunkt: 1753 wurde sein Opera buffa Elmira generosa aufgeführt; das wohl nicht von Barbella erstellte Manuskript des Konzerts in der Universitätsbibliothek Basel wird datiert auf 1760-99).

CD-Aufnahme:

2024 durch Gabriele Pro


Nicht nur Venedig war anfangs 18. Jhd. ein Zentrum komponierender Violinsolisten (wie Albinoni, Vivaldi, Marcello, Lotti …), sondern auch Neapel. Auf die virtuosen Geiger des Seicento (wie Gian Carlo Cailò, Pietro Marchitelli u.a.) folgten anfangs Settecento internationale Virtuosen wie der vielgereiste Angelo Rigatti, Michele Mascitti und Francesco Barbella. Dessen Sohn Emanuele Barbella gehörte dann bereits zur neapolitanischen Generation von Geiger-Komponisten, die ihre barocke Herkunft mit dem aufkommenden galanten Stil kombinierten und so zu direkten Vorläufern der sogenannten Wiener Klassik eines Haydns oder Mozarts wurden. Auch wenn der Ruf Neapels als Gesangs- und Opernstadt dazu führte, dass die neapolitanische Instrumentalmusik vergessen ging, so hat das nichts über deren Virtuosität und Qualität zu sagen. Im Gegenteil, was die Virtuosität betrifft, musste – wie eine überlieferte Anekdote erzählt - sogar Corelli bei einem Besuch in Neapel 1702 eine schwierige Geigenpassage dem neapolitanischen Geiger Giuseppe Antonio Avitrano überlassen. Nicht zuletzt die 4 Konservatorien von Neapel, ursprünglich soziale Einrichtungen für Waisen, später etablierte Musikerausbildungsstätten,  bildeten herausragende Instrumentalisten aus, die ganz Europa (Wien, Paris, London) beeinflussten.

 

Auch Emanuele Barbella – von seinem Vater Franceso gefördert - studierte in einem deer berühmten Konservatorien von Neapel, nämlich im Conservatorio di Santa Maria di Loreto. Bekannt ist Emanuela Barbella heute noch für seine Sonaten für Mandoline. Er wurde selbst Lehrer in Neapel und Geiger sowohl im Hoforchster wie später auch im Teatro San Carlo. Als Komponist wird er wegen seines einfachen, aber durchaus geigerisch fortschrittlichen Stils  als Frühklassiker eingestuft. Es lohnt sich aber, genau hinzuhören und schon vor-paganinische Züge in seinen originellen Geigensoli zu entdecken.

Hier zu hören: (Violino napoletano ab 19:38)

 

 

Hörbegleiter:

SAtz 1:  Allegro comodo

Klangvoll wie mit einem Vivaldi-Thema beginnt das Konzert in vollem A-Dur-Tutti, absteigend über alle vier Saiten, von den Bässen lautstark markiert. Elegante tänzerische Motive reihen sich mit wirkungsvollen Laut-Leise-Effekten aneinander. Doch dann ein Stopp, und ein verhaltener synkopisierender zweiter Themenblock eilt in Sechzehnteln voran, bis das Solo der Violino principale einsetzt und im Dreiklang mit einem rhythmischen Motiv aus dem Eingangs-Ritornello gleich in höchste Höhen des Geigenspiels aufsteigt. Was folgt, sind alle Varianten spätbarocker geigentechnischer Errungenschaften, die nichts mehr wollen, als die Freude der Zuhörenden an virtuoser Geigenbrillanz hervorzurufen. In Läufen auf und ab, mit schnellen Sechszehntelfiguren und heiklen Doppelgriffen werden erster und zweiter Themenblock virtuos ausgekostet.

 

Rhythmisch treibt die Geige variantenreich zu einem zweiten Tuttieinsatz voran, der den zweiten Themenblock variiert und einen neuen Soloeinsatz ebenfalls brillant und klangvoll vorbereitet.

 

Mit langen Strichen über beeindruckende Tonhöhen hinweg setzt die Sologeige wieder ein und mündet in  Sechzehntelläufe-Motive. Doch dann steigert die Geige ihre Geschwindigkeit in virtuose 32tel-Figurationen und treibt ihr Spiel in mehreren neuen Anläufen zu virtuosen Höhepunkten.

 

Mit Motiven aus dem zweiten Themenblock beschliesst ein schnelles Tutti diesen für jede Solistin und Solisten wirkungsvollen Satz.

 

Satz 2: Largo

Mit einem feingesponnenen Thema eröffnen die Streicher ein in sich ruhendes Largo in Es-Dur und weiten das Thema harmonisch und melodisch aus. Und weil es so schön war, wird das Thema nach kurzem Einhalt gleich nochmals wiederholt.

 

Kadenzierend setzt dann die Sologeige mit Doppelgriffspiel neu ein, variiert und improvisiert vor sich hin, als probiere sie sich aus, und schliesst sich dann zusammen mit den andern Streichern und mit eigenen schnellen Verzierungen dem Es-Dur-Thema an.

 

Zusammen wird das Thema weitergesponnen, die Sologeige bringt ihre Doppelgriffe und Figuren mit ein und improvisiert zum Schluss in einer Kadenz nochmals vor sich hin, bevor das Streicherensemble das Thema zum Abschluss nochmals in seiner ursprünglichen Gestalt anfügen darf.

 

Satz 3: Allegro

Im letzten Satz wird – wieder zurück in der Haupttonart - der reine A-Dur Sound gefeiert. Das beginnt mit dem Ritornell im Tutti der Streicher. Ein punktierter Aufstieg und ein Abwärtslauf – etwas schneller als im ersten Satz – bilden dessen Hauptelemente. Dazu kommen heftige nachgreifende Motive und weiten das Ritornell thematisch aus.  Melodiöse Phrasen kommen galant daher. 

 

Die Sologeige beginnt ihr Solo brillant mit dem reinen A-Dur Dreiklang und steigt auf ihm empor in höchste Höhen. Es folgen Varianten von wirkungsvollen Geigenfigurationen, virtuos dargeboten. Repetitive Virtuosen-Kunststückchen zielen auf Wirkung beim Publikum, wie es zu einem Violinkonzert gehört. 

 

Das folgende Tutti startet in E-Dur und kommt zwischendurch zum Stocken. Auch die Sologeige übernimmt den Ausflug nach E-Dur und kehrt dann über raffiniertem und abwechslungsreichem Figurenspiel wieder zum brillanten A-Dur zurück und zielt nach langer Selbstdarstellung auf schöne galante Melodiephrasen hin.

 

Nach diesem zweiten Soloteil beendet das Streicherensemble kurz und bündig und natürlich in A-Dur-Klängen dieses brillante neapolitanische Violinkonzert.