Wolfgang Amadeus Mozart: Kassation (Divertimento) in B-Dur KV 287 für konzertierende Solovioline, Violine II, Viola, Bass und zwei Hörner (1777)

Autograph, Quelle: Bibliothek von Jagiellonian, Krakau, Mozart Aut. K 287
Autograph, Quelle: Bibliothek von Jagiellonian, Krakau, Mozart Aut. K 287

Wolfgang Amadeus Mozart

geboren 27. Januar 1756 in Salzburg gestorben 5. Dezember 1791 in Wien

 

Uraufführung:

13. Juni 1777 (am Namenstag der Gräfin Antonia Lodron) in Salzburg

 

Aufnahmen:
Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice 2023

 

Patrick Cohën-Akenine, 2005
(Les Folies Françoises) 

 

Kenneth Sillito, 1984 (Academy of St Martin in the Fields Chamber Ensemble)

 

Joseph Szigeti, 1938 (Chamber Orchestra, Max Gobermann)

 


Unter den meistgespielten Konzerten und Solostücken für Geige und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart fällt die zweite Lodronische Nachtmusik - von Mozart selbst «Casation aus den B» genannt - zwischen Stühle und Bänke. Dabei enthalte die erwähnte Kassation laut Urteil des Geigers Andrew Manze «einige der anspruchsvollsten Geigenpartien, die Mozart je schreiben sollte». Und Manze fügte in Klammer hinzu: «was zum Teil die Tatsache erklärt, dass sich heute so selten jemand an dieses Stück heranwagt». (Booklet zu Manze’s CD-Box The Art oft the Violin)

 

Mozart, selbst ein ausgezeichneter Solist eigener Violinkonzerte und von Violinkonzerten seiner Komponistenkollegen, schrieb am 6. Oktober 1777 in einem Brief aus München an seinen Vater: «Zu guter lezt spiellte ich die lezte Casation aus den B von mir, da schauete alles gros drein. Ich spiellte als wenn ich der gröste geiger in Ganz Europa wäre.»

 

Grund genug, hier auf dieses - wie bei der berühmten Hafner-Serenade - in damaliger Unterhaltungsmusik versteckte Violinkonzert von Mozart aufmerksam zu machen und Interesse für ein selten gespieltes und qualitativ erstaunlich wertvolles, unbekanntes Mozart-Violinkonzert zu wecken.

 

Hier noch einige Hintergründe zur Entstehung dieser Komposition von Mozart:

 

Zurückgekehrt aus Italien wirkte Mozart, zwanzigjährig geworden, als Geiger, Kirchenkomponist und Hof-Angestellter des Erzbischofs Hieronymus von Colloredo in Salzburg. Obwohl er zu alt war, um als Wunderkind mit seinem Vater auf Reisen zu gehen, insistierte Leopold als Vater, Geiger und Verfasser einer Geigenschule weiterhin darauf, dass Wolfgang sein Geigenspiel perfektionierte, um beim Erzbischof Colloredo, der selbst ein Amateur-Geiger war, Eindruck zu  machen. Von der Gräfin Antonia Lodron, der Schwester des Erzbischofs, die mit einem 21 Jahre älteren Grafen verheiratet und sozusagen die «First Lady» in Salzburg war, bekam Mozart die Aufträge, die Nachtmusiken zu deren Namenstag am 13. Juni 1776 und 1777 zu komponieren. Die Kassation KV 287 komponierte Mozart gleich im Anschluss an das berühmte Klavierkonzert KV 271, das er für die ihn sehr beeindruckende junge geniale Pianistin Louise Victoire Jenamy schrieb, die auf Durchreise kurz in Salzburg weilte. Sie inspirierte Mozart zu neuen Ideen und Möglichkeiten der Konzertform, die ihn in KV 271 das Klavierkonzert neu erfinden liess, was wiederum auch auf die Kassation KV 287 Einfluss hatte.

 

In Salzburg wirkte auch Michael Haydn, der Bruder von Joseph Haydn. Er war Kirchenmusiker und verfasste wie Mozart Divertimenti für die Salzburger Gesellschaft. Ein Divertimento-Quintett von Michael Haydn soll für Mozarts Kassation KV 287 Vorbild gewesen sein, wie die Mozartforscher Théodore de Wyzewa und G. de Saint-Foix herausgefunden haben.

 

Unter den Einflüssen des Jenamy-Konzerts und Michael Haydns Wirken steigerte sich Mozarts Serenaden-Musik zu neuen Höhen. Gerade diese zweite Lodronische Nachtmusik, wie sie Leopold Mozart in Briefen benannte, weckte die Fantasie Mozarts für die Solomöglichkeiten der konzertierenden Geige und es entstand ein Werk jenseits der traditionellen Formen von Kammermusik (eines Michael Haydns), von Kassationen (im Auftrag der Gräfin Antonia) und von Konzerten (neu für Louise Victoire Jenamy). Dass er diese Kassation auch zu weiteren eigenen Auftritten verwendete und sie später in Berlin als Divertimento für 6 Instrumente (zwei Geigen, Bratsche und Bass (statt Cello) und zwei Hörner) in den Druck gab, zeugt von der Wertschätzung dieser Komposition durch Mozart selbst.

 

Hier zu hören (mit mitlaufender Partitur)!

 

Hörbegleiter:

 

 

Satz 1: Allegro

 

Mozart beginnt mit einem Vorspiel von 8 Takten, um die Aufmerksam-keit des Publikums zu gewinnen: zwei laute, von den Hörnern untermalte Akkorde und ein leises charmantes Nachspiel, und das gleich nochmals.

 

Erst dann legen die Violinen und Bratschen mit dem ersten Thema los, einem vorwärtsdrängenden Allegro, dem die Hörner bestens gelaunt sofort antworten. Im Dreiviertel-Takt pendelt das musikantische Spiel zwischen Streichern und Hörnern ausgiebig hin und her, bis es auf einer Kadenz in F ankommt und anhält.

 

Jetzt setzt die konzertierende Geige erstmals prominent ein und bringt ihr eigenes tänzerisches zweites Thema und bestätigt anschliessend ihre Leader-Stellung mit virtuosen Triolenläufen bis in die höchste Lage, um dann für die Wiederholung der Exposition wieder zurückzutreten. Nochmals haben wir als Publikum die Möglichkeit, dieses unterhaltsame, wirbelnden Spiel mitzuverfolgen.

 

Im Mittelteil nimmt sich die erste Geige gleich wieder die Freiheit, konzertante Triolen-Virtuosität zu präsentieren. Sie führt uns harmonisch durch Licht und Schatten hin zur Durchführung ihres tänzerischen Themas, das unterstützt vom Hörnerklang besinnlich eingetrübt und chromatisch verändert wird. Rezitativisch führt die Geige die Durchführung zu einem pathetischen Abschluss.

 

Dann folgt die Wiederholung des ersten und zweiten Themas wie im ersten Teil. Die Solopassagen der Geige steigen gegen Ende bis zum hohen fünfgestrichenen B und setzen brillant noch einen gewichtigen abschliessenden Triller drauf. Nach dem Schlussstrich beendet Mozart diesen Satz mit einer speziellen Coda: Es ist die Wiederholung des anfänglichen Aufmerksamkeits-Vorspiels. Als ob Mozart als Geiger das ganze musikantische Spiel mit zwinkernden Augen zwischen Ausrufe-Zeichen setzen wollte.

 

Satz 2: Andante grazioso con Variazioni

Es folgen, einem Modell von Mozarts Musikerkollegen Michael Haydns folgend, an dieser Stelle sechs Variationen über ein volksliedhaft schlichtes Thema, das gleich von der ersten Geige samt Ensemble vorgestellt wird. Die Hörner markieren jeweils deutlich die Überleitungen zwischen den Strophen.

 

Variation 1 bietet dann gleich die Gelegenheit für ein Solo der konzertierenden Geige, die rhythmisch fantasievoll mit dem Thema spielt. Wieder markieren die Hörner und das Ensemble die Strophenenden.  

 

In der 2. Variation steigt die Geige in die Höhe, wiederholt strahlend das Thema und öffnet damit in den tieferen Lagen Raum für die 32tel-Arabesken der zweiten Violine und der Bratsche.

 

Die 3. Variation gehört den Hörnern. Das erste Horn macht aus den Anfangsnoten des Themas ein deutliches, Aufmerksamkeit erheischendes Signal. Die Sologeige zeigt aber gleichzeitig mit ihren Verzierungen, wer hier die Solistin ist.  

 

In der 4. Variation pendeln sich alle Instrumente zum gemeinsamem Tutti-Spiel ein.  

 

Die 5. Variation kehrt die Anfangsnoten des Themas von unten nach oben um und verfremdet damit seinen Charakter.

 

In der 6. Variation kann sich die Sologeige nicht mehr zurückhalten und tritt auf zu ihrem eigenen virtuosen Violinkonzert. Die übrigen Streicher begleiten «pizzicato», erst der energische Hörnerruf kann die Geige und diesen Satz stoppen.

 

Satz 3:  Menuetto

 

Zu einem nächtlichen Unter-haltungskonzert unter freiem Himmel gehörte in Salzburg der Tanz in Form von Menuetten. In leichtem Rhythmus einer Allemande beginnt dieses erste Menuett und lädt zu ruhigem Tanz ein.

 

Zauberhaft wird es im Trio: Mozarts Sologeige wechselt aufsteigend nach g-moll, und wie immer bei Mozart ist g-moll eine ganz persönliche Tonart, die hier wie eine momentane besinnliche Unterbrechung in die Festgesellschaft einbricht. Der gemeinsame Tanz bekommt eine neue geheimnisvolle Dimension.

 


Satz 4: Adagio

Was im Trio des Menuettos stimmungsmässig bereits vorbereitet wurde, besingt die Geige nun in einem meditativen Solo weiter. Die Hörner schweigen. Wie in den langsamen Sätzen seiner Violinkonzerte der Vorjahre 1775 und 1776 entwirft Mozart einen unbeschreiblich schönen Gesang in Es Dur. Man hätte Mozart einfach zuhören mögen. Es ist eine träumerische Arie ohne Worte, die Mozart auf der Geige spielt. Diskret begleitet von den übrigen Instrumenten, besonders schön die tiefen Pizzicati des Kontrabasses. Die zweite Geige und die Bratsche mischen sich ab und zu mit ein und laden zum Weiterspielen, das Fliessen der Zeit vergessen machend. Immer findet die Geige zu Anfängen einer neuen Melodie und verlässt erst am Schluss in einer freien Kadenz über einem Orgelpunkt ihre magische Welt. Und leise versinkt die nächtliche Musik im Dunkeln.

 

Bei mehrmaligem Hören dieses Adagios entdeckt man die darunterliegende Zeit-Struktur, die Mozart für diesen Gesang entworfen hat. Ein erstes, dreimal ansetzendes Thema wird nach wunderbar weitschweifendem Ausschwingen von einem zweiten Thema der Geige, das lange auf dem Ton G verharrt, abgelöst. Nach dessen Wiederholung im ganzen Ensemble folgt ein konzertantes Ende der Exposition, die wiederholt werden soll.

 

Die Durchführung verändert das erste Thema im harmonischen Verlauf und gerät in stockende Seufzerfiguren. Ein zweites Mal ansetzend improvisiert Mozart dieses Thema nochmals frei schweifend und lässt dann die eigentliche Reprise des ersten Themas aus.

 

Erst mit der ausschwingenden Überleitung biegt er direkt in die Reprise des zweiten Themas ein. Nach dessen Wiederholung im Ensemble treibt Mozart die Sologeige in virtuose Höhen und durch selbstbewusste Koloraturen hoch. Erst nach der Kadenz in der Coda sinkt die Geige wieder zurück in den ruhigen Abend und entlässt die Zuhörenden erneut zum Gesellschaftstanz.

 

Satz 5: Menuetto

Die Hörner rufen zum Tanz, die Streicher bilden raffiniert das Echo. Die Sologeige tänzelt mit. Eine kurze Molltrübung stört kaum die Bewegungen der Tanzenden.

 

Im Trio übernimmt die  konzertierende Geige erneut ihre führende Rolle und überrascht mit beschwingtem Bogen mit einer Art Ländler. Die Hörner schweigen, bis sie dann bei der Wiederholung des ersten Teils wieder ihre Signale setzen.

 

 

Satz 6: Andante - Allegro molto

Das Finale überrascht gleich zu Beginn mit einem Rezitativ nach Opern Art. Die konzertierende Geige wird vom restlichen Ensemble in grosser Ernsthaftigkeit begleitet (eine ähnliche Rezitativ-Passage hatte Mozart schon für das Jenamy-Konzert eingefügt). Dass dieses feierliche, ja fast schon Tragik ausdrückende Rezitativ in g-moll endet, erinnert an das Trio des ersten Menuetts und an Stimmungen im Adagio. Mitten im festlichen Leben tauchen Schatten auf. Oder diente das Pathos einfach der konzertanten Selbstdarstellung?

 

Um so überraschender folgt hier im Kontrast ein spritziges Allegro in B-Dur. Es startet rhythmisch witzig mit dem Volkslied-Thema «D’ Bäurin hat d’Katz verlorn, weiss nit, wo’s ist». Ein Ritornell-Solospiel der konzertierenden Geige führt zum tänzerischen zweiten Thema. Auch diesem folgt ein längeres von virtuosen Sololäufen bestimmtes Ritornell, das in eine weitere die Exposition abschliessende Melodie mündet.

 

Die Wiederkehr des Volkslied-Themas eröffnet eine längere Durchführung mit einem neuen schaukelnden Thema, das der Sologeige die Gelegenheit gibt, in höchste Tonbereiche emporzu-steigen. Brillantes Geigenspiel führt dann zurück zur Reprise des Volkslied-Themas und des zweiten Themas, analog zur Exposition.

 

Dann eine Überraschung: Nochmals kehrt das Anfangs-Rezitativ der Sologeige zurück, etwas gekürzt und modifiziert, ein Moment der Spannung, wo sich der konzertierende Geiger Mozart mit pathetischem, nicht mehr ganz ernst gemeintem Ton zum letzten Mal präsentiert.  Dann aber folgt zum brillanten Abschluss erneut das Volkslied-Thema, mit Witz und Charme und Wirkung vorgetragen: «da schauete alles gros drein. Ich spiellte als wenn ich der gröste geiger in Ganz Europa wäre» (Mozart).